[ndh-art] – ein Text, eine Auseinandersetzung

an dieser Stelle geben wir einen Text von »ndh-art« wieder. er wurde uns mit der Bitte um Veröffentlichung zugesteckt. der Text wird von uns veröffentlicht,

-> zum einen, um euch zu informieren,

-> zum anderen, um »ndh-art« die Möglichkeit von öffentlichkeit zu geben

-> zum weiteren anderen, weil er für uns anstoss zu einer Reaktion/Antwort sein wird

…los geht es!

In Provinz-Regionen, wie Nord-Thüringen, ist meist der (Selbst-)Schutz vor gewalttätigen Angriffen und rassistisch und antisemitisch motivierten Übergriffen Anlass, sich in einer antifaschistischen Gruppe bzw. einem antifaschistischen Zusammenhang zu organisieren. Eine organisierte politische Arbeit spielt dabei meist eine untergeordnete bzw. gar keine Rolle. Es geht vor allem zuallererst um die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit gewaltbereiten extrem Rechten, aus dem Spektrum der »freien Kameradschaften«, den sich selbst bezeichnenden »Autonomen Nationalisten« und den lose bis gar nicht organisierten (sich selbst bezeichnenden) »Nationalen Sozialisten«, rechten Fußball-Hools und denen, die einer rechten, rassistischen und antisemitischen Ideologie anhängen. Daran wird sich orientiert und politisiert.


Bleibt eine Gruppe/ein Zusammenhang über längere Zeit bestehen, so widmen sie sich auch anderen Politikfeldern. Ein Schwerpunkt liegt dabei meist auf selbst-bestimmten und -verwalteten Freiräumen. -bzw. sollte er darauf liegen.- Da wo Freiräume bestehen, entwickelt sich allmählich eine dazugehörige Infrastruktur von Infoläden, Kneipen und Treffpunkten. Die Existenz solcher Freiräume war und ist für die politische Arbeit von antifaschistischen und linken bis hin zu linksradikalen Menschen von großer Bedeutung. Dort, wo Freiräume und Treffpunkte fehlen, haben es antifaschistische Gruppen/Zusammenhänge/Menschen erheblich schwerer sich zu organisieren, zu agieren und sich zu bewegen. Zwar stellen solche Freiräume und Treffpunkte ein beliebtes Angriffsziel für die extrem Rechten dar, doch schweißen Angriffe die Betroffenen zusammen und stärken ihren Organisierungsgrad und dessen Agieren. Mitunter, und gewünschter Effekt, gelingt es aus der Defensivposition herauszukommen und durch entschlossenes Auftreten den gewaltbereiten und extrem Rechten die Plätze und Räume zu nehmen, sie zu bekämpfen.

Werden aber, wie im Fall der »Destille« Nordhausen, Freiräume, in denen bisher extrem Rechte keinen Zutritt hatten bzw. bekamen, durch ihre Besitzer »entpolitisiert« setzt ein Effekt ein, der nicht geduldet und nicht hingenommen werden kann. Seit Wochen häufen sich die Beobachtungen und Berichte, dass extrem Rechten Einlass gewährt wird und sie ungehindert, durch Aussagen des Personals und der Betreiber/Besitzer, ihre Getränke zu sich nehmen können. Sollte es dann dazu kommen, dass die Betreiber/Besitzer bzw. das Personal auf die Personen angesprochen werden, dann wird beschwichtigend abgewunken: »Wir haben mit Politik nichts im Sinn.« oder »Die wollen auch nur ihr Bier trinken und wenn dir/euch das nicht passt kannst du/könnt ihr ja gehen!« oder »Ihr Linken könnt ja auch hier trinken.«. Mitunter geht es sogar soweit, dass wenn engagierte AntifaschistInnen die extrem Rechten am Zutritt hindern wollen, sie gar nach draußen befördern wollen, sie Hausverbot ausgesprochen bekommen oder ihnen mit Polizei gedroht wird. Sicher, die Besitzer bzw. Betreiber der »Destille« sind in keinerlei politischen – gar antifaschistischen Zusammenhängen engagiert. Doch der Club stellte seit Jahren einen Ort dar, wo eben extrem Rechte keinen Zugang bekamen, wo Hardcore-/Punkkonzerte stattfinden konnte, wo es Reggae-/Drum&Bass-Parties gab, wo antifaschistische, alternative und linke Menschen feiern konnten. Die »Destille« lebte unter anderem von selbstorganisierten Konzerten und Parties und außerhalb solcher Events von dem dazugehörigen Publikum. Freiräume sind in Provinz-Regionen, wie Nord-Thüringen, eine Seltenheit. Wenn dann Gespräche mit Betreibern/Besitzern an deren Ignoranz und Arroganz scheitern, dann wird es Zeit für ein Umdenken und Zeit für ein entsprechendes Handeln.

Doch leider ist es so, dass dort, wo antifaschistische Arbeit und Politik wichtig ist (überwiegend in den Provinz-Regionen) und Kontinuität erzielt werden muss, immer wieder personelle Wechsel stattfinden und beschriebene Freiräume/Treffpunkte wegfallen. Das Fehlen der personellen und strukturellen Kontinuität erschwert die antifaschistische Arbeit und Politik ungemein und macht sie mitunter (fast) unmöglich.

Hinzu kommt das nahezu Fehlen einer aufgeklärten und sensibilisierten, sowie kritischen Öffentlichkeit. Wenn es kaum mehr gelingt, durch das Öffentlichmachen (extrem) rechter Aktivitäten und (Neu-)Rechter Ideologien bei großen Teilen der jeweiligen Bürgerinnen und Bürger der Region/des Ortes zumindest Betroffenheit auszulösen und stattdessen antifaschistische Menschen als Unruhestifter und als »Standortproblem« wahrgenommen und angesehen werden, dann ist ein Umdenken unumgänglich.

Sicherlich ist das mit ein Grund dafür, dass die Bündnisarbeit mit zivilgesellschaftlich engagierten Kräften für viele Antifas ein Bestandteil der politischen Arbeit darstellt. Zeitweise ist dadurch, bei allen bestehenden Schwierigkeiten, die Möglichkeit gegeben, außerhalb von (autonomer) organisierter antifaschistischer Arbeit und Politik, Menschen für antifaschistische Inhalte zu interessieren und zu mobilisieren. Allerdings ist zu beobachten, dass, bei den »potentiellen« BündnispartnerInnen, Antifaschismus nicht als Teil eines politischen Konzeptes verstanden wird bzw. es Teil des politischen Konzeptes ist. Sie handeln lediglich oft aus dem Bauch heraus und unter dem Motto: »Der 2.Weltkrieg, die NS-Zeit und der Faschismus war(en) schrecklich!«, ab und an wird die Shoah noch mit benannt. Leider geschieht das nicht aus der Fragestellung heraus: »warum war so etwas möglich und wie konnte es sich durchsetzen?« und »was gibt es heute davon immer noch oder wieder?«. Wenn doch, dann müsste heftige Selbstkritik geübt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass Antifas es mit einer anti-extremistischen Öffentlichkeit zu tun haben, die eher liberal (regional unterschiedlich, mehr rechts als liberal) als links ist und antifaschistische Arbeit und Politik, aufgrund der Gleichsetzung von Rechts-Links, de facto entmündigt. So wird Antifaschismus auf eine, wenn überhaupt, ehrenwerte moralische Haltung reduziert. Wo eine Auseinandersetzung über die NS-Zeit und den bestehenden und aktuellen (extrem rechten) Zuständen, in der Gesellschaft fehlt – genauso wie das Bewusstsein um die politische Dimension, die damit einhergeht. So wird Antifaschismus als eine Bedrohung für andere gesehen, im besonderen durch engagierte Antifas.

Darin besteht sicher eine mögliche Bedeutung und Chance von Bündnissen, es kann nachgefragt werden und es besteht die Möglichkeit, eigene Positionen zu erklären und zu festigen, gar zum Bestandteil der Bündnisarbeit werden zu lassen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren gezeigt, das Themen wie z.B. der neue deutsche Antisemitismus (vor allem der in der »Mitte der Gesellschaft«) oder das Aufkommen eines erstarkten Nationalstolzes (das »Wir«-Gefühl) es über die Bündnisarbeit hinaus nicht in die Gesellschaft geschafft haben und es auch sonst schwer bis unmöglich scheint Inhalte zu thematisieren. Anhand allein dieses Umstandes muss doch klar die Frage lauten: »Sind Bündnisse ein allgemein gutes Podium für die Themen, oder sind sie doch einfach nur ein taktisches Mittel in bestimmten Situationen?«

Anmerkung:

Dieser Text entstand aus den Beobachtungen und Erfahrungen der letzten Jahre heraus. Er soll ein wenig die bestehenden (derzeitigen) Probleme wiedergeben und die Schwierigkeit antifaschistischer Arbeit und Politik in provinziellen Regionen beleuchten. Der Text ist eine subjektive Wiedergabe und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, aber auf wahren Inhalt. Ebenso ist er, wie die Beobachtungen, nicht abgeschlossen. Zu den angeschnittenen Punkten ließe sich seitenweise und ausführlicher schreiben. Allein schon, das die extremen Rechten in Nordhausen feste Stammkneipen/Treffpunkte haben, doch das kann und wird folgen. Der Text kann gerne kopiert und weitergegeben werden! Ergänzungen, Diskussionen sind erwünscht!

»Stay Rude, Stay Rebel And Don’t Be Paranoid!«

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